Perihel der Menschheit

M

Max

Guest
Okay, mir drängte sich da so eine Idee auf und ließ nicht locker,bis ich sie niederschrieb.
Das Ergebnis wird nicht gerade Literatur-Nobel-Preis-verdächtig sein, aber vielleicht ein netter Sci-FI-Happen für einen geduldigen Leser darstellen ;) :D
Also nicht zu hart urteilen ;)

Zur Einordnung nenne ich es einfach mal eine Novelle, die übrigens einen phantastischen Nährboden für eine Fortsetzung (eek, schon wieder überfällt mich eine Idee) bietet :D

Es werden nun also nach und nach die einzelnen Kapitel eintrudeln.


P-d-M-1.jpg



Perihel der Menschheit


1. Kapitel: Venus
2. Kapitel: Interview
3. Kapitel: Verfrühte Abreise
4. Kapitel: Lunarer Abschied
5. Kapitel: Interplanetare Ansichten
6. Kapitel: Reaktionszeit
7. Kapitel: Perihel der Menschheit
8. Kapitel: Frieden
9. Kapitel: Schwebendes Archiv
10. Kapitel: Botschafter
11. Kapitel: Ankunft




1. Kapitel: Venus


Jede Generation hat ihre eigenen epochalen Wendepunkte, die sich meist in bestimmten Formen von Revolutionen niederschlagen. Auf der einen Seite waren da politische Marksteine der Geschichte. Neue Ordnungen kündeten entweder blutig oder vollkommen gewaltfrei von neuer Freiheit und in günstigen Fällen spendeten sie Hoffnung für die Zukunft der gesamten Bevölkerung der Erde.
Die anderen Umstürze waren technischer Natur, wussten aber auf ihre Art und Weise genauso Einfluss auf das tägliche Leben, aber auch auf die Mentalität der Menschen jener Generationen zu nehmen. Auch wenn es die Wissenschaft immer noch verstand, auf der Erde selbst durch verblüffende Anwendungen neuer Erkenntnisse Erstaunen hervorzurufen, so waren es seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert fernere Ziele, die für wahrhafte Zeitenwechsel gefunden werden mussten.

Bis sich kommende Jahrgänge weiter wagen wollten, war nun die Venus das Objekt menschlichen Pioniergeistes.
Dabei spielte es irgendwann kaum mehr eine Rolle, dass, da etwa der Oberflächendruck keine Landung auf dem Planeten erlauben würde, tatsächlich recht wenig mit der Venus anzufangen war, auch wenn Aspekte wie die retrograde Rotation die Fachleute doch zu faszinieren wussten. Einzig als Spiegel der Möglichkeiten menschlichen Schaffens erhielt die Mission einen Sinn.
Zum Nutzen des Prestiges aller planten riesige Projektgruppen auf allen Kontinenten seit Jahrzehnten, um den Flug zur Schwester der Erde zu realisieren.

Auch wenn die Auswirkungen jenen kühnen Plans letztlich alle Menschen betreffen würden, so erwuchs doch aus dem, was dort im All geschehen sollte für eine kleine Gruppe von Personen ganz spezielle Folgen.
Ohne es ahnen, oder sogar es jemals erfahren zu können, wurden so zum Beispiel die Theorien eines gewissen Astrophysikers Ibrahim Yerke zu den am spätesten durch einen praktischen Versuch zu bestätigenden Ideen unter den erstaunlichen Gedanken der Menschheit.
Als anderes Beispiel kann ein Mann herangezogen werden, bei dem eine Sonderrolle zunächst automatisch vorgesehen scheint. Von der Sekunde an, zu der feststand, dass Adam E. Brent Kommandant des Fluges zur Venus sein würde, war ihm das Prädikat ‚Held’ nicht mehr zu nehmen. Egal, ob er mit seiner Mannschaft erfolgreich zum fremden Planeten fliegen und wieder zurückkehren würde, oder ob die Mission in einer Katastrophe endete, Brent würde eine Legende sein. Dies war ein Status, von dem man zunächst annehmen musste, dass er seine eigenen Lebzeiten (so oder so) weit überdauern würde.
Doch genauso wenig wie jener junge Physiker Yerke, der niemals einen Nobel-Preis gewinnen sollte, so hätte auch Brent niemals geahnt, welche Rolle ihm tatsächlich zufallen würde.


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Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
Max schrieb:
Zur Einordnung nenne ich es einfach mal eine Novelle, die übrigens einen phantastischen Nährboden für eine Fortsetzung (eek, schon wieder überfällt mich eine Idee) bietet :D
Oha, mir schwant schlimmes... Ich hab letztes Jahr "Im Krebsgang" von Berthold Brecht gelesen und muss ehrlich sagen: Wenn man für so ein Gefasel den Nobelpreis kriegt, dann will ich niemals Nobelpreisträger werden... An und für sich vielleicht ganz gut geschrieben, aber ätzend langweilig zu lesen. Naja, ich werd mir mal in einer ruhigen Minute deine Novelle zu Gemüte führen und dann folgt auch ne Kritik (wie ich es im Übrigen persönlich von jedem anderen Schriftsteller erwarten würde...)
 
Zuletzt bearbeitet:
USS Nelame schrieb:
Oha, mir schwant schlimmes... Ich hab letztes Jahr "Im Krebsgang" von Berthold Brecht gelesen

Ist "Im Krebsgang" nicht von Günter Grass, übringens eine Person, die ich nie wieder erwähnt haben möchte :D
Denn wenn ich weiter an ihn denken muss, wird der Gebrauch anderer Smilies unumgänglich sein!

USS Nelame schrieb:
Oha, mir schwant schlimmes... Ich hab letztes Jahr "Im Krebsgang" von Berthold Brecht gelesen und muss ehrlich sagen: Wenn man für so ein Gefasel den Nobelpreis kriegt, dann will ich niemals Nobelpreisträger werden... An und für sich vielleicht ganz gut geschrieben, aber ätzend langweilig zu lesen.
Ansich empfinde ich die Gattung der Novelle als grundsätzlich sehr angenehm.
Aber vielleicht schreib' ich das auch nur in Unkenntnis aller Feinheiten, die diese Gattung ausmacht. Naja, besser noch mal in der Germanisten-Bibliothek im Literaturwissenschaftlichen Lexikon nachschlagen.
Im Notfall wird das hier halt dann ein kurz-kurz-kruz-Roman. Nicht eben vom Umfang her riesige Romane können ja auch mal ganz gut sein. Nicht umsonst gehört Dostojewskijs "Weiße Nächte" zu einem meiner Lieblingsbücher.
Ok, genug geschwätzt ;)


USS Nelame schrieb:
Naja, ich werd mir mal in einer ruhigen Minute deine Novelle zu Gemüte führen und dann folgt auch ne Kritik
Danke; ich hoffe Dich nicht zu sehr langweilen zu werden :)
 
Mir gefällt das erste Kapitel ganz gut.

Du scheinst dich eher auf komplexe Sätze festlegen zu wollen, die jedoch immer mit etwas Konzentration zu durchschauen sind. Ich hoffe du kannst das auch weiter so durchziehen, ohne dich in zu viele Nebensätze und Verschachtelungen zu verstricken.

Die Einleitung mit einem kurzen Rückblick auf die Menschheitsgeschichte macht Lust auf mehr, und der kurze Ausblick auf die kommenden Ereignisse verspricht auch einiges.

Ich hoffe nur, du hast dir nicht zu viel vorgenommen, denn wenn ich die Kapitelübersicht so durchlese, dann erinnert es mich ein bisschen an Lucky Starr von Isaac Asimov,
und das ist eigentlich nicht ganz so mein Ding.

Bin gespannt auf die Fortsetzung.
 
sesam schrieb:
Mir gefällt das erste Kapitel ganz gut.
Vielen Dank :) :)

sesam schrieb:
Du scheinst dich eher auf komplexe Sätze festlegen zu wollen, die jedoch immer mit etwas Konzentration zu durchschauen sind. Ich hoffe du kannst das auch weiter so durchziehen, ohne dich in zu viele Nebensätze und Verschachtelungen zu verstricken.

Tja, das ist das seltsame: ich scheine zu eher komplizierten Satzkonstruktionen zu neigen. Schriftlich sowieso, und mündlich geht's jetzt auch schon los ;) . Na ja, ich hoffe jetzt mal, dass dies eher gute Vorraussetzungen für wissenschaftliche Dissertation sind, vielleicht kann die Uni-Karriere dann davon profitieren. :lol:
Aber, ja, ich hoffe, dass ich mich mit den Sätzen nicht verheddert habe, bzw. werde...

sesam schrieb:
Ich hoffe nur, du hast dir nicht zu viel vorgenommen, denn wenn ich die Kapitelübersicht so durchlese, dann erinnert es mich ein bisschen an Lucky Starr von Isaac Asimov,
und das ist eigentlich nicht ganz so mein Ding.

Hmm, "Lucky Starr" kenne ich leider nicht, wie ich überhaupt noch zuwenig die Bandbreite des Sci-Fi-Genres überblickt habe.

Ganz weiß ich nicht, wie ich Dein "zu viel vorgenommen" zu deuten habe, aber zur Kapitelübersicht kann ich folgendes sagen:
Die ganze Geschichte folgt eigentlich einem (jedenfalls für mein wirres Hirn ;) ) klaren Leitfaden. Es fällt mir schwer, meine eigenen Stories hinsichtlich Aspekten wie Umfang und Übersichtlichkeit der Handelnden und Handlungen richtig zu beurteilen. Allgemein würde ich jetzt einfach mal behaupten, dass Ihr im Folgenden nicht unbedingt von unübersichtlichen Ereignissen überrollt werdet, aber dennoch jedes Kapitel einen eigenen dezenten Inhalt verfolgt, der dem Gesamtplot in die Hände spielt.

Die Fortsetzung dürfte noch heute kommen, und ich hoffe sie fällt für Euch nicht enttäuschend aus :)
 
Max schrieb:
...Es fällt mir schwer, meine eigenen Stories hinsichtlich Aspekten wie Umfang und Übersichtlichkeit der Handelnden und Handlungen richtig zu beurteilen...

Keine Sorge. Dafür sind ja wir da ;)
 
2. Kapitel: Interview

2. Kapitel: Interview


Inzwischen mussten eigentlich schon alle Fragen gestellt, alle Themen erörtert und alle Konsequenzen bedacht worden sein. Dennoch schien das Interesse an Gesprächen nicht abzureißen. Die Frage, die Adam Brent dabei jedoch fesselte, war, ob die Faszination der Öffentlichkeit wirklich so groß sei, oder ob es vielmehr die Medien waren, die letztendlich die Ausmaße der Informationspolitik bestimmten. Er konnte sich diese Herangehensweise erlauben, hatte er sich diesen ironischen Standpunkt doch in unzähligen Stunden mit Vertretern jeglicher Informations-Verbreitungsorgane hart verdient.
Doch viel weiter stieg er in diese Thematik gedanklich aber gar nicht ein, obwohl die Frage nach der Rolle der Medien späterstens seit der Hälfte des 20. Jahrhunderts stets jung und heiß diskutiert war.

So kurz vor dem Start der Mission war es scheinbar noch einmal etwas besonderes, mit dem Kommandanten ein Interview zu führen. Ted Walker von der Fernsehgesellschaft sicherte ihm jedenfalls viele Zuschauer zu. Walker und er kannten sich schon eine ganze Weile und hatten im Grunde parallel zueinander mit dem Aufstieg in ihrer jeweiligen Branche begonnen. Die Unterschiedlichkeit ihrer Arbeit brachte es aber wohl mit sich, dass Walker über die breite Aufmerksamkeit erfreuter war, als der zielstrebige und dabei fast schon scheue Astronaut.

„Wir alle hoffen, dass die Missionsvorbereitungen immer noch nach Plan laufen!“, begann Walker das Gespräch nach der paradoxen, aber dennoch üblichen Vorstellung des weltbekannten Raumfahrers.
„Danke der Nachfrage, Ted. Ich kann Sie und die Zuschauer zuhause vollkommen beruhigen: alles funktioniert ordnungsgemäß!“

Nach ein paar weiter technischen Fragen läutete Walker die nächste Runde ein, indem er fragte:
“Sie sagten einmal, die Weltraumbehörde hätte aus früheren Fehlern gelernt und verwiesen auf O’Reilly. Was meinten sie damit?“
Brent war froh, an dieser Stelle mit einem prekären Missverständnis aufräumen zu können, denn seine Äußerung von damals hatte viele anzügliche Früchte getragen.
„Mit unserer Reise zur Venus erleben wir etwas wahrlich Außergewöhnliches. Die Zahl der Menschen, denen es vergönnt ist, so eine Erfahrung zu machen ist äußerst gering. Diese Eindrücke für alle begreifbar zu machen, daran musste die Raumfahrt in meinen Augen noch arbeiten. Nun könnte es gelingen, denn mit Victoria O’Reilly haben wir nicht nur eine ausgewiesene Missions-Spezialistin an Bord – wie es bei allen Besatzungsmitgliedern der Fall ist. Sie aber hat auch einen Abschluss in Philosophie. Wenn jemand in der Lage sein dürfte, unsere Mission richtig auszulegen, dann Victoria.“

Was nach einigen beiläufigen Dialogen folgte, war eine Fragestellung, die ihm nicht behagte. Selbst Walker schien es etwas unangenehm zu sein, diesen Punkt anzusprechen, denn ihm was bewusste, dass Brent sein Gewissen auf andere Art prüfte, als vergleichbare Gäste.
„Verspüren Sie keine Angst, wenn Sie an diese Reise denken?“, fragte Walker.
Brent hätte auf die selbe Weise antworten können wie duzende Astronauten vor ihm. Er hätte von geringen Fehlerwahrscheinlichkeiten, von Gegenmaßnahmen, von Schutzvorkehrungen und Notfallstrategien erzählen können. Oder er hätte sich auf die Mentalität aller Raumfahrer mit ihrer Fachkundigkeit und ihrer Nervenstärke berufen können. Mit all diesen Punkte hätte er nicht einmal gelogen.
Stattdessen formulierte er nach einer bedächtigen Gedankenpause:
„Es gibt Unwägbarkeiten, die diese Mission zu einem kalkulierbaren Risiko machen, doch deswegen besteht kein Grund zur Sorge. Doch wenn ich an den Augenblick denke, bei dem ich die Erde und die Venus in ähnlicher Größe sehen, wenn ich aus dem Fenster blicken werde, befällt mich eine seltsame Furcht.“
Diesen durchaus schockierenden Moment konnte Brent leider kaum ganz lösen, indem er hinzufügte:
“Fragen Sie mich aber dann, wenn es soweit ist noch einmal. Ich bin mir sicher, es dann konkretisieren zu können!“

Walker spielte seine mediale Erfahrung im Folgenden gut aus, um wieder einen positiven Tenor herauszustellen und schließlich neigte sich die vorgesehene Gesprächszeit dem Ende entgegen.

„Sie werden Monate lang unterwegs sein. Denken Sie, Sie werden Veränderungen, hier, auf der Erde wahrnehmen, wenn Sie zurückkehren?“, fragte Walker und legte den Kopf dabei etwas schief, was ehrliche Anteilnahme bekundete.
Adam Brent nahm sich wieder einen kurzen Moment Zeit, bevor seinem Gegenüber eine rhetorische Vorlage für einen klassischen Abschluss des Gesprächs gab:
„Jeder von uns wird die Welt mit anderen Augen sehen. Aber, lassen Sie mich in Hinblick auf ein Ziel dieser Mission einen Wunsch äußern. Wenn wir, die Besatzung der ‚Unity’, nach Monaten wieder den Boden der Erde betreten werden, hoffe ich, dass eine Erkenntnis nicht nur unser Wiedersehensfreude entspringen wird.
Ich hoffe, auf eine Welt voller Frieden zu treffen.“

Auch Medien-Profi Walker war sehr zufrieden mit dem, was er dem Astronauten da noch entlocken hatte können. Nachdem die ebenfalls üblichen Schlussformeln gesprochen waren und ein Shake-Hand-Foto die Abschieds-Szene festgehalten hatte, löste sich die Gesprächsgesellschaft aus zwei Personen schnell auf.
Walker war wie versessen darauf, gleich die ersten Reaktionen von Seiten der Quoten-Statistiker in Erfahrung zu bringen. Auf Brent stürmten nun die Scharen des Produktionsteams ein, die sich während der Übertragung naturgemäß im Hintergrund gehalten hatte. Es folgte viel Lob über das gelungene Interview und gute Wünschen für die Mission. Gerade wollte sich Brent Walker anschließen – die Leidenschaft für statistische Tabellen schien beide Berufe in diesem Moment zu einen - als er inne hielt.
Im Türrahmen des Studios entdeckte er den stellvertretenden Missionsleiter ‚Chuck’ Atmoony.
Dessen Gesichtsausdruck ließ Brent noch einmal zweifeln, ob er im Interview doch wieder eine seiner unbedarften Aussagen getroffen hatte (es konnte sich nur um die Frage nach der Angst handelnd), die zwar das Verständnis der Öffentlichkeit (die so an ehrliche Informationen über die tatsächliche Raumfahrt gelangten), nicht aber das der Leitung haben würden.
Er konnte aber keinen echten Grund dafür finden und Atmoonys verkrampfte Züge voller Missmut – oder nein, viel eher Verzweiflung – blieben in dessen Gesicht wie eingemeißelt.
Als sie sich schließlich so nahe gegenüberstanden, dass sie im allgemeinen Trubel ungehört blieben, sagte Atmoony:
“O’Reilly...“


---
 
Kapitel 1 wirkt schonmal sehr 'episch'. Ich hoffe, die restliche Geschichte wird dem gerecht.

P.S. Wenn mich nicht alles täuscht, ist Perihel der Punkt, an dem die Erde auf ihrer Umlaufbahn der Sonne am nächsten ist. Inwiefern sich das auf die Menschheit beziehen lässt, ist mir nicht ganz klar.
 
[Tobbi] schrieb:
Kapitel 1 wirkt schonmal sehr 'episch'.

Wenn sich das wenigstens ansatzweise am Ende auf das gesamte Konzept dieser Handlung(en) sagen läßt, hätte ich wahrlich meine Intentionen erfüllt :)

[Tobbi] schrieb:
P.S. Wenn mich nicht alles täuscht, ist Perihel der Punkt, an dem die Erde auf ihrer Umlaufbahn der Sonne am nächsten ist. Inwiefern sich das auf die Menschheit beziehen lässt, ist mir nicht ganz klar.

Das ist - mehr oder weniger - übertragen gemeint ;) ! Ein bisschen Stilmitteleinsatz und uneigentliche Eigentlichheit muss erlaubt sein :D
Naja, vielleicht wird die Titelgebung ja später etwas klarer.
 
Max schrieb:
Ist "Im Krebsgang" nicht von Günter Grass
Oha, tatsächlich, da hab ich mich wieder einmal voll reingeritten...
Nun gut, hier meine Kritik:


Kapitel 1:

Ich finde die Geschichte ist bis weilen gut geschrieben und könnte (von mir aus) sehr wohl den Nobelpreis erhalten (hoffentlich hällt sich das auch in den nächsten Kapiteln). Da zeigt sich einmal, was ich noch lernen müsste. Fehler sowohl grammatischer als auch inhaltlicher Art kann ich nicht entdecken.
Inhaltlich muss ich sagen, es erinnert mich am Anfang direkt daran, was (ich glaube es war Marx) sagte zu seiner Vermutung zu These und Antithese (Durch Revolution entsteht eine neue, bessere politische Form). Das du danach auch auf die Wissenschaft eingehst, hat auf mich ein wenig überraschend gewirkt und gleichzeitig dafür gesorgt, dass ich jetzt nicht nur einen Politik-Roman erwarte... Vielleicht noch als Verbesserungsvorschlag: Wenn du schon auf teilweise so unterschiedliche Aspekte anspielst, könntest du auch noch ein Wort zur Religion verlieren (immerhin hat die in der Vergangenheit ähnliche Auswirkungen gehabt, wie Politik und Technik...)
Das du jetzt mit dem neuen Absatz schließlich in den Weltraum gehst und endlich einmal näher erläuterst, worüber deine Geschichte nun wirklich gehen wird, wirkt auf mich erneut überraschend. Allerdings bin ich mir zu dieser Stelle nicht mehr so ganz sicher, ob da die Einleitung noch passt, aber gut, das wird sich wohl mit dem späteren Verlauf der Geschichte zeigen.

Kapitel 2:

Du wirfst den Leser schon wieder in kalte Wasser, obwohl ihm bereits klar ist, dass es um den Flug zur Venus geht. Finde ich stylisch sehr gelungen (mache ich ja auch gerne). Allerdings wäre eine nähere Zeitangabe in welchen Jahr die Geschichte spielt vielleicht ganz nett.
Ich muss sagen, am Anfang des zweiten Kapitels hatte ich so meine Bedenken, ob der Titel "Novelle " noch angebracht wäre, aber du hast (denke ich) bewiesen, dass er es noch sehr wohl ist und dass diese Art des Schreibens dir liegt. Zwar kann ich mich nicht entsinnen, dass wörtliche Rede sonst so stark in Novellen verwendet wird, wie hier, aber an und für sich gewinnt die Story eher dadurch. Zwar weiß ich nicht so sehr, wie ein Abschluss in Philosopie dazu helfen soll die Mission durchzuführen, aber du wirst dir da sicherlich einiges gedacht haben (warum vermute ich an dieser Stelle schon, dass sich der Captain in diese O'Reiley verliebt?...). Ich weiß jetzt nicht, wie die Story weiter aussehen wird, aber sollte es tatsächlich der Fall sein, dass O`Reiley und Captain sich näher kommen, dann ist es (zumindest für mich) keine Überraschung mehr. Aber vermutlich mutmaße ich an dieser Stelle zu viel also weiter im Text...
Das "Eingeständnis" von Brent kommt an dieser Stelle etwas überraschend und zeugt (zumindest mir gegenüber) davon, dass er noch nicht viel Berufserfahrung hat. Ich bin gespannt, wie er später reagieren wird, wenn tatsächlich die von ihm beschriebene Situation stattfindet. Mir ist übrigens aufgefallen, dass du (für eine Novelle) außerordentlich viele Details verwendest. Tut der Story gut, dem Schreibstil der Novelle vielleicht weniger, denn du musst aufpassen, dass du besonders in den Dialogen dann nicht zu sehr in den Romanstil abdrivtest. Spätestens hier:
Walker war wie versessen darauf, gleich die ersten Reaktionen von Seiten der Quoten-Statistiker in Erfahrung zu bringen. Auf Brent stürmten nun die Scharen des Produktionsteams ein, die sich während der Übertragung naturgemäß im Hintergrund gehalten hatte.
finde ich ,dass die Story jetzt mehr einer Inhaltsangabe oder einem nicht ausführlichen Roman gleichkommt.
Das du das Kapitel schließlich mitten im Satz abbrichst liegt hoffentlich daran, dass dieses Forum eine begrenzte Zeichenanzahl hat, ansonsten wirkt das auf den Leser leicht frustrierend und ich weiß nicht, ob mich so etwas eher zum weiterlesen oder zum weglegen der Lektüre verleiten würde.

Nun gut, hier erst einmal meine Eindrücke und die Dinge, die mir aufgefallen sind. Hoffe mein Kommentar hilft dir weiter.
 
Hoi, noch mehr Senf. Und ich habe natürlich zu einigen Dingen eine gegenteilige Meinung wie Nelame ;)

@Novelle
Ich nehme mal nicht an, dass es das Ziel der Geschichte ist, eine Novelle zu sein. Da würde ich auch mal behaupten: es ist keine. Zumal mir bisher auch keine fiktionale Novelle untergekommen ist. Demnach und nach dem Schreibstil, vor allem zum Ende des zweiten Kapitels, würde ich es eher (wenn es denn wirklich kurz wird) als Kurzgeschichte oder Kurzroman bezeichnen.

@Kapitel 1
Der Einstieg klingt recht jovial, fast schon lehrbuchmäßig. Aber er führt genau zu dem ersten Hauptmotiv der Geschichte, der Wissenschaft als Triebfeder für die Reise zur Venus. Was mich ein wenig gestört hat, war die Einführung des "Physiker Yerke", dem hier viel Platz gegeben wird ohne eigentlich zu erläutern, was der Kerl denn nun geleistet hat. Wenn Yerke im Weiteren keine Rolle mehr spielt, gehört seine Beziehung zum eigentlich Thema aufgeklärt.

@Religion
Neben der politischen und wissenschaftlich/technischen Triebfeder auch noch religiöse Motive einzubringen fände ich unpassend und würde Richtung sowie Lesefluss stören. Der Aufbau ist recht klar: Allgemein zur Politik, dann Wissenschaft, dann Wissenschaft im Speziellen mit dem Tenor des Romans und der Abbildung des Ziels auf eine Person.

@Kapitel 2
Da würde ich mal sagen: geschickt den Charakter des Protagonisten herausgearbeitet. Das geraffte Interview lässt Brent greifbar werden, während Walker eher blass, materiell und unwichtig bleibt. Warum nun gerade eine Philosophin die Erfahrung gut begreibar machen können soll, ist mir allerdings auch nicht ganz klar. Für mich eigentlich eher umgekehrt, denn die Philosophie beschreibt schwer begreifbare Dinge meist in noch schwerer verständliche Worte :D
Sehr schön allerdings der Cliffhanger am Ende des Kapitels, mit der Anspielung darauf, dass eben jener O'Reilly etwas widerfahren ist (Unfalltod?).

@Zeitangabe
Nein, bloss nicht. Die ungenaue Einordnung eine nahe Zukunft ist perfekt. Ein genaues Datum etc. ist für die Geschichte absolut unwichtig und trägt nicht zur Handlung bei.

@Liebesgeschichte
Schmarrn. Aus dem Kapitel kann man höchstens eine Bewunderung und Hochschätzung Brents für O'Reilly herauslesen. Und ich bezweifle mal, dass das Ende des Kapitels mehr als das erlauben wird oder das Max in eine Schmonzette abdriftet.

Wenn ich das richtig lese, dann geht es hier auch nicht so sehr um die Person Brent sondern um das wesentlich Größere, das hinter ihm steht und wofür Brent lediglich der Fokus in der Geschichte ist: das Einläuten einer weiteren Stufe in der Evolution der Menschheit. Darum sicherlich auch der Titel, der für mich sowohl den nahesten Punkt der Menschheit am Zentrum ihrer selbst als auch einen Wendepunkt in der menschlichen Geschichte darstellt.

@Formales
Was die Satzstruktur angeht, sehe ich da gar keine so große Komplexität. Allerdings haben mich einige fehlende bzw. falsch gesetzte Kommas unterwegs ab und an stocken lassen. Interessanter sind dann die "duzenden Astronauten" ;)

Fazit: Bin sehr an der Weiterführung interessiert. Liest sich gut. Liest sich knackig und spannend.
 
Wow! Also ich bin erstmal von Euren tollen Kritiken begeistert. Es ist cool zu lesen, was Euch gefallen hat und wo meine Geschichte Euch durch Schwachstellen ins Stocken brachte. Einer so differenzierte Betrachtung zeugt von guter Analysier-Fähigkeit :thumbup: .

Nelame schrieb:
Vielleicht noch als Verbesserungsvorschlag: Wenn du schon auf teilweise so unterschiedliche Aspekte anspielst, könntest du auch noch ein Wort zur Religion verlieren
Hmm, an dieser Stelle würde ich Dir noch widersprechen. Auf die ganze Geschichte betrachet glaube ich aber, dass Du damit recht hast, denn vielleicht kommt da die Religion etwas zu kurz.

Nelame schrieb:
Allerdings wäre eine nähere Zeitangabe in welchen Jahr die Geschichte spielt vielleicht ganz nett.
Da bin ich genau dwights Ansicht:

Nelame schrieb:
Nein, bloss nicht. Die ungenaue Einordnung eine nahe Zukunft ist perfekt. Ein genaues Datum etc. ist für die Geschichte absolut unwichtig und trägt nicht zur Handlung bei.
Ich habe die Zeit genau deswegen absichtlich unterschlagen.


Und zum Thema Novelle: Nachdem ich vorher Stundenlang historische Bibliographien gewälzt hatte, verspürte ich irgendwie keine Lust mehr, mich in der Germanisten-Bibliothek auf die Suche nach netten Novellen-Definitionen zu machen *grins*
In diesem Punkt lasse ich mich also gerne belehren.

Wegen der Philospohin: tja,
dwight schrieb:
Warum nun gerade eine Philosophin die Erfahrung gut begreibar machen können soll, ist mir allerdings auch nicht ganz klar. Für mich eigentlich eher umgekehrt, denn die Philosophie beschreibt schwer begreifbare Dinge meist in noch schwerer verständliche Worte
schon möglich. Allerdings würde ich auch keinem klassischen Physiker zutrauen, die Eindrücke publikumswirksam rüberzugeben. Vielleicht kenne ich aber auch nur die falschen Physiker :D

Nelame schrieb:
Zwar weiß ich nicht so sehr, wie ein Abschluss in Philosopie dazu helfen soll die Mission durchzuführen, aber du wirst dir da sicherlich einiges gedacht haben
Zur eigentlich Mission trägt es natürlich eigentlich nicht bei. Der Abschluss in Philosophie ist eher ein schmückendes Beiwerk.


dwight schrieb:
@Formales
Was die Satzstruktur angeht, sehe ich da gar keine so große Komplexität.
Umso besser.

dwight schrieb:
@Formales
Allerdings haben mich einige fehlende bzw. falsch gesetzte Kommas unterwegs ab und an stocken lassen. Interessanter sind dann die "duzenden Astronauten"
Die kennen sich halt schon; da nimm man's mit der Anrede nicht so genau ;) Oje, was habe ich da denn angestellt :lol: Ok, let's just raise the number a little bit, making it 'scores' of them ;)
Bei der Kommasetzung muss ich mich entschuldigen, dass sie so aufällt, wie sie es tut. Hinter dem Abgabetermin-Druck beim Verleger kann ich mich nicht verstecken :D
In diesem Punkt werde ich mich bemühen wieder größere Sorgfalt walten zu lassen.

Zu den Figuren O'Reilly und Yerke möchte ich an dieser Stelle noch nichts sagen und hoffe, dass meine zukünftigen Kapitel in Hinsicht auf die Rolle beider dieser Geschichte kein literarisches Grab schaufeln werden :D


Nelame schrieb:
Nun gut, hier erst einmal meine Eindrücke und die Dinge, die mir aufgefallen sind. Hoffe mein Kommentar hilft dir weiter.
Tut er. Danke!

dwight schrieb:
Fazit: Bin sehr an der Weiterführung interessiert. Liest sich gut. Liest sich knackig und spannend.
Danke sehr!
 
Max schrieb:
Auf die ganze Geschichte betrachet glaube ich aber, dass Du damit recht hast, denn vielleicht kommt da die Religion etwas zu kurz.
Man sollte in einer Geschichte, insbesondere einer kurzen, nicht zu viele Fässer aufmachen.

schon möglich. Allerdings würde ich auch keinem klassischen Physiker zutrauen, die Eindrücke publikumswirksam rüberzugeben. Vielleicht kenne ich aber auch nur die falschen Physiker :D
Was Physiker angeht, weiß ich das nicht. Aber ich hätte da eher auf jemanden mit pädagogischer oder journalistischer Ausbildung gesetzt. Oder jemanden mit schriftstellerischen Fähigkeiten, es gibt sicherlich auch Physiker, die gute Romane schreiben :D

Bei der Kommasetzung muss ich mich entschuldigen, dass sie so aufällt, wie sie es tut. Hinter dem Abgabetermin-Druck beim Verleger kann ich mich nicht verstecken :D
In diesem Punkt werde ich mich bemühen wieder größere Sorgfalt walten zu lassen.
Öhm, ne, soooo auffällig ist die nicht. Es gab nur ein paar Sätze, wo ein Komma an der richtigen Stelle bzw. ein Komma weniger das Verständnis erleichtert hätte.
 
@Max

Deine Geschichte lebt von dem was du weg lässt!
Soll heißen: Gerade das Weglassen von Informationen
wie. z.B. dem Zeitraum der Handlung u.a.
macht das ganze so spannend.

Deshalb :thumbup: und her mit dem nächsten Kapitel :)
 
Cptn. Flyde Shepard schrieb:
Hast du das mit der Philosophin von Contact?
Nicht direkt, aber das ist wenigstens mal ein Stück Science Fiction, das ich auch kenne :D
Aber mal ehrlich, wenn ich mich an das Gestammel und Gefassel von Miss Fosters Filmrolle erinnere, ist doch der Hinweis auf den Philosophen berechtigt ;)
Womöglich war das bei 'Contact' auch eine Anspielung, denn hieß es nicht mal, das "One step for man"-Zitat sei den Astronauten bereits auf der Erde von einem Philosophen mitgegeben worden?

dwight schrieb:
Aber ich hätte da eher auf jemanden mit pädagogischer oder journalistischer Ausbildung gesetzt. Oder jemanden mit schriftstellerischen Fähigkeiten, es gibt sicherlich auch Physiker, die gute Romane schreiben
Eigentlich eine recht gute Idee, aber leider war keine Autorin zur Hand, als ich dieses Kapitel schrieb und so nahm ich halt Misses O'Reilly ins Team auf ;) Autorenfehler :D


Cptn. Floyd Shepard schrieb:
[...]
Deshalb :thumbup: und her mit dem nächsten Kapitel :)
Danke fürs Lob. Wie schnell das nächste Kapitel kommt, kann ich noch nicht ganz genau sagen (Korrekturlesen etc.), aber vielleicht ist es doch noch heute soweit.
 
3. Kapitel: Verfrühte Abreise

3. Kapitel: Verfrühte Abreise


Als Missions-Kommandeur kennt man zwangsläufig alle Gesichter der Projektleitung. So wie Brent den Gang der Intensivstation des Krankenhauses übersehen konnte, waren hier einige hohe Persönlichkeiten des Venus-Flug-Projektes vertreten.
Wie ernst dieser Moment war hatte Brent in seiner Routine mit Krisensituationen aber bereits vorher verinnerlicht.
Auf der Fahrt hatte er erfahren, was und auch wann es geschehen war. Eingeliefert worden war O’Reilly wohl ungefähr dann, als er das Aufnahmestudio betreten hatte. Und ironischer Weise mussten die Ärzte wohl gerade dann den hoffnungslosen Zustand durch die Unfallfolgen diagnostiziert haben, als Brent die herausragende Rolle der Freundin und Kollegin gewürdigt hatte.

Das Krankenhauspersonal war einhellig verstimmt über das Großaufgebot an Menschen und ließ sich nur widerwillig überhaupt davon abhalten dem Trubel in den Gängen ein Ende zu machen. Unter der Verärgerung war aber auch eine große Unsicherheit auszumachen, denn eigentlich hätten die selben Regeln (allein schon in Bezug auf die Informationspolitik) befolgt werden müssen, wie sie bei allen anderen Patienten auch galten. Ob es an seiner Popularität oder nur an einfacher Sympathie lag; irgendwie gelang es Brent eine junge mitfühlende Krankenschwester zu überreden und so ließ man ihn kurz ins Krankenzimmer.

„Daran habe ich nicht gedacht...“
„Woran – was meinst Du?“
Es erschütterte Brent nun doch, Victoria in diesem Zustand zu sehen. Angeschlossen an die verschiedensten Geräte, schien nur noch die Technik ihrem Körper etwas Aufschub zu gewähren.
Bereits O’Reillys erster Satz wirkte verstörend. Was hatte sie ihm damit sagen wollen? Hatte sie Brent überhaupt erkannt oder wenigstens die Anwesenheit einer anderen Person bemerkt? Die lebenserhaltenden Maschinen hatte er nach dem, was er über ihren Zustand wusste erwarten müssen. Aber nun gelang es einem einfachen unvollendeten Satz ihn ungewohnt heftig erschrecken zu lassen.
Plötzlich spürte er, dass der brillante Verstand der Physikerin, Astronautin und Philosophin so jäh sein gesamtes Potenzial der menschlichen Sterblichkeit opfern würde müssen

„Und diese Reise werdet Ihr jetzt alleine machen!“, sagte O’Reilly schließlich nach ein paar Momenten der Ruhe und fügte dann mit einem Lächeln hinzu:
„Ich hätte doch besser noch Theologie studieren sollen. Ich glaube, es wäre doch nicht verkehrt gewesen, zu erfahren, was mich jetzt erwartet.“
Man kannte Victoria O’Reilly als klugen und reflektierenden Menschen, gläubig war sie jedoch nicht. Wieder erschrak er kurz bei dem Gedanken, wie tief es die Philosophin in ihr berühren müsse, nun auf diese Weise womöglich die entscheidenden metaphysische Antworten zu erhalten. Vielleicht versetzte es ihn aber gerade auch diese Deutung ihrer Aussage in Angst, denn schließlich würde dadurch die Würde, die er diesem Moment entgegenbringen wollte, durch spielerisches Theorien-Abklopfen verloren gehen.

Durch die Scheibe in der Tür wurde Brent bedeutet, dass inzwischen auch Victorias Familie eingetroffen war.
Für Adam Brent bedeutete es einen Abschied. Welche Worte er fand, wusste er im Nachhinein nicht mehr. Einzig und allein Victorias letzte undurchsichtige Botschaft für ihn blieb in seinem Gedächtnis:
“Du wirst der Letzte sein, der ankommt.“


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Sehr schön (wenn inhaltlich auch nicht unerwartet) :)
Der Text gefällt mir. Der Titel gefällt mir (du solltest bei solch philosophisch angehauchten Metaphern bleiben).

Lapsus: "Missions-Kommandeur", hier meinst du sicher den "Raumschiffkommandanten" oder "Missionsleiter" ;)
 
4. Kapitel: Lunarer Abschied

4. Kapitel: Lunarer Abschied


Was für frühere Astronauten die Hauptaufgabe war, verkam für die Crew der ‚Unity’ zur Pendelfahrt. Ein kleines aber konstant betriebenes Kontrollzentrum auf dem Mond würde sie solange beherbergen, bis sich das Raumschiff auf den Weg zur Venus machen würde. Und dies lag nur mehr wenigen Tage in der Zukunft.

Den Mond als eigentlichen Hafen zu bezeichnen war im Grunde ebenfalls inkorrekt, da das Raumfahrzeug in einem freien Orbit lag. Nichts desto trotz nützte man den Erdtrabanten als Zwischenhalt, da man angesichts der enormen Projektkosten recht leicht in der Lage war, diesen Pendelverkehr zu rechtfertigen, wurde er doch in der Relation zu einem stellaren Schnäppchen. Es war dem Geschick der Führungsriege der Raumfahrtbehörde bei der Beschaffung von Geldern zu verdanken, dass die Prestige-Mission also ganz nebenbei auch ‚zuhause’, bei Erde und Mond für Regelmäßigkeit der Raumfahrt sorgte.

Gewohnt und doch revolutionär, so präsentierte sich das erste Vehikel der Menschheit, das die Strecke Erde-Venus-Erde zurücklegen sollte.
Ganz im Sinne der weltweiten Zusammenarbeit bestand es aus mehreren Modulen für die sich je ein Kontinent beziehungsweise eine Region verantwortlich zeichnete.

Technologischer Glanzpunkt war das Antriebsmodul ‚Yamato’, das federführend unter der Leitung der asiatischen Gruppe entstanden war. Unter Verwendung neuerster wissenschaftlicher Erkenntnisse würde es das Schiff in die Lage versetzen sämtliche Geschwindigkeits-Rekorde zu brechen.
Das australisch-pazifische Modul ‚Otaheite’ diente vornehmlich als Fracht- und Versorgungseinheit und verfügte über bedeutende Interface-Zugänge.
Das afrikanische Modul ‚Bakongo’ fungierte als Trägerplattform für vier Raumkapseln. Falls sie zum Einsatz kämen, würden sich solche EVAs als spannendster Teil einer bedeutsamen Reise darstellen.
Das europäische Modul ‚Kopernikus’ (als Europäer im Team schlug Adam Brent scherzend seinen Geburtsort ‚Whitby’ als Namen vor) war bis zum Rand mit allen nur erdenklichen Analyse- und Forschungs-Geräten gefüllt, beherbergte aber auch die Kommunikations-Relais.
Als Kontrollzentrum fungierte das Modul ‚Enterprise’ aus der Produktion der beiden amerikanischen Kontinente. Neben der Steuerung waren hier auch die Haupteinrichtungen zur Unterkunft der Besatzung untergebracht.
Verbunden waren alle Module durch mehrere Röhrensysteme, darunter nicht bloß Gangway-Tunnel, sondern auch das Treibstoff- und Sauerstoff-Reservoir.

Alles zusammen schuf also die ‚Unity’.
Seit geraumer Zeit wartete sie nun im Orbit auf ihren Einsatz und wer sie in ihrer Abstraktheit beinahe für einen Organismus halten wollte, schien auch bei ihr die Aufbruchsstimmung jener Tage zu verspüren.

Was noch fehlte war die sorgsam ausgewählte und geschulte Besatzung.
Kommandant Adam Brent hatte seine Funktion schon früh übertragen bekommen. Seine Qualifikation war, wie bei dem Rest seiner Kollegen auch über jeden Zweifel erhaben.
Sein Stellvertreter an Bord war Timothy Hench, dem Japaner Yi oblag als leitender Ingenieur die Übersicht über das Triebwerk, während der Afrikaner M’Beke als Experte für die Raumkapseln an Bord war.
Der Geologe Connor Jefferson war in der wenig beneidenswerten Rolle, O’Reilly ersetzen zu müssen. Diese Tatsache verstärkte nur die Tendenzen, die ihn zum Außenseiter einer ansonsten recht zusammengewachsenen Crew machte.
Ein anderer Grund war sicherlich, dass er aus dem B-Team stammte.
Da Ausfälle stets mit eingeplant wurden, musste ein ebenso qualifizierte Ersatzmannschaft bereit stehen, sei es nun, um notfalls einzuspringen oder um im Heimathafen dem Kontrollleuten der Raumfahrtbehörde wertvolle Unterstützung sein zu können. So gab es ein A- und ein B-Team, deren Beziehung vielleicht am besten mit der von konkurrierenden Halbbrüdern zu vergleichen war.

Nun waren alle an Bord. Jeder saß am vorbestimmten Platz im Steuermodul der ‚Unity’. Der bevorstehende Start würde nur für zwei der fünf Raumfahrer ein echtes Vergnügen werden, denn außer für Jefferson und M’Beke bedeutete dieser Moment größte Anspannung und Konzentration auf die eigene Rolle in diesem Unternehmen.
Yi kontrollierte die Maschinen und ihm war trotz aller Zurückhaltung die Anspannung doch anzumerken. Hench und Brent teilten sich die Vorab-Überprüfungen aller Schiffssysteme.

Es kam der Moment, der bei derartigen Weltraummissionen stets spätestens durch den visuell-wirksamen Ablauf des Countdowns seine theatralische Wirkung entfalten konnte.
Die Triebwerke wurden gestartet. Der durch die Beschleunigung aufkeimende Anpressdruck war so etwas wie die letzte Hommage an die Gravitation der Welt, die man gerade im Begriff war zu verlassen.
Der hell-weiße Glanz der Wundertriebwerke zauberte einen fulminanten Abschiedsgruß an den Himmel.
Auch wenn das Spektakel selbstverständlich überall auf der Welt übertragen wurde, so vermochte sich daraus doch wieder eines jener typischen Ränkespiele des menschlichen Wesens zu manifestieren. Durch die Tatsache, dass nur eine Erdhälfte den Start direkt durch den Blick ins Firmament mitverfolgen konnten, erwuchs eine Art Zweiklassengesellschaft, bei der sich die Gruppe der echten Augenzeugen mit Wonne ihres Status wegen rühmen ließ.

Als die Beschleunigungsphase beendet war, schalteten die Maschinen automatisch ab. Mit einem Schlag hatte das Schiff eine Radikalkur gemacht, denn der mitgeführte Treibstoff war größtenteils dem Geschwindigkeitsaufbau zum Opfer gefallen.
Alles hatte nach Plan funktioniert und die ‚Unity’ war auf ihrem Weg zur Venus.



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